Im Schatten des Maulbeerbaums
Die Galerie Rhomberg präsentiert im Zuge der Premierentage 2019 die neuesten Arbeiten von Jakob Kirchmayr. Lagen seine älteren Arbeiten immer zwischen figürlichen und abstrakten Motiven, lässt er nun die Figur komplett hinter sich. Eine überdimensionale Leinwand wird zum Mittelpunkt der Ausstellung.
Jakob Kirchmayr kreiert Atmosphären – mit seinen neuen Arbeiten wendet sich der Künstler vollkommen ab von seinem bisher so sorgfältig ausdifferenzierten Figurenrepertoire. Er verlässt den geschlossenen Raum und begibt sich auf die Suche nach der maximalen Offenheit von Bildräumen und Landschaften. Für diese hat er keine realen Vorbilder, sie sind imaginiert oder übertragen – übertragen aus der Lyrik oder imaginiert aus den eigenen Erinnerungen und Erfahrungen.
Neben großformatigen Papierbögen verwendet Jakob Kirchmayr riesige Baumwolltücher als Medium. Gewaschen und ungeglättet, teils vernäht, wirken diese nach dem Farbauftrag stellenweise wie Reliefkarten.
Kirchmayr nutzt die Landschaft nicht nur als Metapher und Projektionsfläche für individuelle Erfahrungen, er schafft mit seinen unterschiedlichen Topografien vielmehr Bilder des kollektiven Gedächtnisses, welche für die Betrachtenden als Auslöser funktionieren.
„Neben Tomas Tranströmer beschäftigen Kirchmayr zwei weitere große Lyrikpositionen des 20. Jahrhunderts: Die polnische Nobelpreisträgerin Wisława Szymborska und der griechische Dichter Jannis Ritsos. Alternierend setzt er Fragmente aus deren Texten in seinen Arbeiten ein. Subtil erscheinen Worte, oder Textzeilen verwoben in die Malereien und Zeichnungen. Nie werden Gedichte vermischt, nie mehr als eines pro Werk verwendet, nie dienen sie als bloße Vorlage. Kirchmayr arbeitet sich in die Texte hinein, während sich gleichzeitig konkrete Bilder aus den Textflächen manifestieren. Die aus dieser Gegenbewegung heraus entstandenen Arbeiten wachsen am Ende mit dem Kern der lyrischen Texte zusammen. Bei den aus diesem Prozess gewonnenen Textfragmenten handelt es sich um Destillate einer längeren Beschäftigung mit den für Kirchmayr relevanten Fragestellungen aus den Texten, die er manches Mal in Form von Sätzen offenlegt, manches Mal nur als Worte andeutet. In vielen Fällen verzichtet er gänzlich auf die textliche Ebene und reduziert auf den Bildinhalt.“
- Erwin Uhrwurm, Schriftsteller

