FAROUT
05/11/2020
02/04/2021

Hubert Scheibl

Galerie Rhomberg / Innsbruck
Clemens Rhomberg

Kaum ein anderes künstlerisches Werk der Gegenwartskunst kann eine solche Bandbreite an malerischer Raffinesse bieten wie jenes
von Hubert Scheibl.

Das Phänomen des Malerischen wird hier im Sinne eines Grundsatzthemas in unterschiedlichsten Bilddimensionen und Techniken er- und bearbeitet: klassische Leinwandgemälde, aber auch groß- und kleinformatige Grafiken und in jüngster Zeit immer
wieder Ausflüge ins Dreidimensionale markieren hier hochkonzentrierte Betrachtungspunkte, die in größtmöglicher Feinheit der Gestaltung
und Wahrnehmung das spezifisch Malerische als ein ausgreifendes Erkenntnisfeld des menschlichen Geistes bestimmen. Jenseits von
Fragen der Abstraktion oder der Gegenstandsorientierung ist diese Erkenntnissprache zunächst selbst ein zentrales künstlerisches
Thema seiner Werkentwicklung.
Hier bewegt sich der Künstler souverän in einem international sehr dicht besetzten künstlerischen Arbeitsfeld, um sich mit seiner individuellen Qualität dennoch dezidiert eine eigenständige Position erarbeiten zu können.

In seinen Titelgebungen dieser malerischen Bildwerke legt Hubert Scheibl sodann unterschiedliche semantische Annäherungsfährten.
Allerdings sind diese Titel in ihrer Bestimmung ebenfalls primär „malerische“ Erkenntniselemente – insbesondere dann, wenn er etwa
auf filmische Realitäten oder auch auf musikalische Erfahrungen verweist.
Dies erfolgt stets im Sinne einer atmosphärischen Andeutung, weit weg jeglicher auch nur ansatzweise erkennbarer Illustrierungsebenen.

In all diesen Bedeutungswelten ist vielmehr stets der grundsätzliche künstlerische Duktus der konsequenten Öffnung erkennbar. Eine
Dynamik, die sowohl den Künstler wie auch den Betrachter der von ihm geschaffenen Bildwelten beständig in diese hinein- aber auch
wieder hinausführt.
Es ist eine konsequent offene künstlerische Arbeit, die sich hier entwickelt. Offen für andere Umgebungsrealitäten des Raumes aber auch der
betrachtenden menschlichen Subjekte.
Ganz behutsam verweisen diese künstlerischen Werke auf den Begriff des Landschaftlichen, einer begrifflichen Kategorie, die sich stets auf
das Auge des Betrachters hin orientiert wie auch auf dessen Interpretation von Zusammenhängen.
Eine künstlerisch gestaltete Landschaft ist stets mehr als die Summe an Einzelformen einer Geländeformation. „Wie eine Landschaft” betitelte Max Weiler, einer der Lehrer von Hubert Scheibl an der Wiener Kunstakademie, viele seiner Arbeiten seit den 1960er Jahren, um damit einen
künstlerischen Annäherungsprozess zu bestimmen, der auch eine spezielle Qualität im Werk von Hubert Scheibl markiert.

Die Haltung „wie eine Landschaft” öffnet eine spezifische Erfahrungsstruktur des sensiblen menschlichen Individuums in einer hochkomplexen
Umgebungswelt, die sich wiederum im Inneren des Menschen spiegeln kann. Es geht darum,
Spuren zu spüren, sodann so etwas Komplexes wie eine „Seinsbestimmung” zu gestalten und zugleich in diesem Gestalten das eigene wie auch ein anderes Sein zu erleben.
Die Frage nach der puren Existenz ist hier in weiterer Folge die große Herausforderung.

Hubert Scheibls künstlerisches Werk setzt in dieser Perspektive seit Jahrzehnten permanente Annäherungsschritte. Alles Geformte wird zur Assoziation, zur Metapher, zur Poesie. Seine gestalterische Beweglichkeit setzt dem entstehenden Bildwerk erst einen Endpunkt, wenn so etwas wie eine Balance zwischen „Dabei(sein)“ und „Vorbei(werden)“ erreicht ist.
Mit dieser offenen Zeitbestimmung korrespondiert eine in gleicher Weise geöffnete Raumbestimmung. Prägnante, in den Vordergrund drängende Bildformen erhalten ein massives energetisches Gegenüber in fein differenzierten Farbwelten, die sich mehr zum Hintergrund ausdehnen.

Man könnte von einer das, Monumentale nicht ausschließenden, Feinstofflichkeit sprechen oder von einem kontemplativen „Wurzelrauschen“ auf das Umfassende hin orientierten menschlichen Wahrnehmungsfähigkeiten. Jedenfalls steht immer so etwas wie ein Aufbruch bevor, so etwas wie eine respektvolle weitere Ausdehnung als Grundstimmung dahinter. Die Werke des Künstlers bestimmen daher in ihrer Natürlichkeit das Gegenteil von direktem Zugriff.

Diese Wirklichkeit der Natur – der Titel dieses Textes ist ein spontan im Gespräch mit dem Künstler geäußertes Zitat von ihm -, das Wirken des Natürlichen, die auf ein konsequentes Weiterwerden ausgedehnte Annäherung kennt keine Namen, vor allem keine „Benamsung“. Sie konfrontiert sich immer wieder von Neuem mit der Sehnsucht nach der Sehnsucht. Mit der Sehnsucht nach einer Sprache, die nichts zu sagen hat, sondern im Hinblick
und im Berühren dahinter liegender Tiefen eines möglichen kommunikativen Austausches spricht.
Ohne großartige Romantik im Hinblick auf mögliche magische Vorexistenzen, aber doch in klarer Aufmerksamkeit auf permanent ausgreifender zu definierender Zeichensysteme der Weltbestimmung.
Diese Bestimmungen sind stets im Wachstum, stets in Veränderung, stets ausgerichtet auf (die) Natur (der Sache), auf Sein und Werden.

– Peter Assmann
  Kunsthistoriker, Museumsleiter, Schriftsteller und bildender Künstler

 

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