Fleeting Memorials
Die Galerie Rhomberg präsentiert die Werkschau „Fleeting Memorials und Kondensate“ des Tiroler Künstlers Norbert Pümpel.
„Man blickt nicht zweimal in dasselbe Werk.“
– Harald Kimpel
Wichtiger Ausgangspunkt für das Schaffen Norbert Pümpels ist die Wissenschaft.
Die Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen als auch geisteswissenschaftlichen Disziplinen, findet Ausdruck in seiner künstlerischen Arbeit.
In den Jahren 1975 bis 1982 studierte Pümpel Mathematik, Physik, Astronomie und Philosophie. Als Künstler und Autodidakt, begann er Ende der siebziger Jahre im Bereich der Concept Art zu arbeiten. Erste theoretische Schriften und Zeichnungen über mathematische Serien und Reihen entstehen. Spätere Projekte sind beeinflusst von der zeitgenössischen Physik und Erkenntnistheorie; immer wieder entstanden friedenspolitische Arbeiten.
Pümpel ist seit 1982 als freischaffender Künstler tätig. 2010 wurde er mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet.
Seit 1978 ist der Künstler mit zahlreichen Ausstellungen weltweit, wie in Europa, Amerika und Japan vertreten.
Die Galerie Rhomberg zeigt erstmalig eine vereinte Ausstellung der beiden Werkgruppen Fleeting Memorials / Flüchtige Erinnerungen und Kondensate.
Inhaltlich beziehen sich die Arbeiten kaum aufeinander. Vielmehr geht es bei dieser Gegenüberstellung um den materiellen Aspekt – die Materie.
Die Fleeting Memorials entstehen ab 2012. Pümpel beginnt mit einer Serie von Papierarbeiten, die auf die Zahl der Menschen Bezug nimmt, die zu einem exakten Zeitpunkt auf der Erde leben und verknüpft allgemeingültige physikalisch-chemische Sachverhalte mit individueller Existenz; sie setzt das im Einzelnen sich verkörpernde Problem der Endlichkeit in Relation zu unpersönlichen natürlichen Abläufen.
Das visuelle Geschehen entwickelt sich auf dem Trägermaterial jeder Versuchsanordnung – doppelt geschichtetes chinesisches Reispapier – im Rahmen eines annähernd quadratisch angelegten Ereignisfeldes.
Jede Arbeit weist eine Datumsangabe auf – die den Tag ihrer Entstehung benennt – sowie eine zehnstellige Ziffer – die die für dieses Datum offiziell errechnete Weltbevölkerung protokolliert. Einer von mehr als 7 Milliarden Menschen ist angesprochen, ein anonymes Exemplar aus der Menge der an diesem Tag Geborenen. Ihm gilt dieser Sonderfall des Portraits, eines abbildungsfreien Bildnisses, das physiognomische Ähnlichkeit verwirft, um eine strukturelle zu verdeutlichen.
Die einzelnen Realisate der Serie variieren in ihrer Farbgebung wie auch leicht in der Größe – so wie auch menschliche Individuen sich unterscheiden, aber morphologisch doch vergleichbar sind.
Die kalendarische Angabe markiert statt der Vollendung der Arbeit den Beginn des Entstehungsvorgangs. Sie benennt den Geburtstag des Werkes, das von nun an seiner Reise in den Zerfall überlassen ist.
Denn die spezifische Materialität hat zur Folge, dass das Objekt, dem Verschleiß durch Umwelteinflüsse ausgesetzt, im Laufe der Jahrzehnte sich verändert – bis hin zur möglichen Selbstauslöschung. (…) Veränderung und Hinfälligkeit werden als Funktion zeitbedingter Existenz sichtbar. (Harald Kimpel)
Die Kondensate thematisieren ebenso den materiellen Aspekt der Fleeting Memorials. Es geht dabei um die Verselbstständigung von Materie. Die Kondensate bilden ohne weitgehendes Zutun des Künstlers, unter Filmen von unterschiedliche Substanzen und Lösungen und Folien eigene Strukturen. Das Werk ist somit ab einem gewissen Zeitpunkt sich selbst überlassen. Das eigentliche Bild entsteht nach dem Materialauftrag des Künstlers, über Stunden und Tage.
Die Begrifflichkeit des Kondensats findet in den Naturwissenschaften vielfach Bedeutung.
Pümpel wurde für seine Arbeiten besonders von der Theorie des Bose-Einstein-Kondensats angeregt, eine Theorie die lange Zeit kaum nachweisbar war.
(Theoretisch wurde hier 1924 von Albert Einstein Vorarbeit geleistet. Die ersten Bose-Einstein-Kondensate wurden im Juni und September 1995 experimentell von Eric A. Cornell und Carl E. Wieman bzw. von Wolfgang Ketterle, Kendall Davis und Marc-Oliver Mewes hergestellt. Im Jahr 2001 erhielten Cornell, Wiemann und Ketterle dafür den Nobelpreis für Physik.)
Das Bose-Einstein-Kondensat beschreibt den Zustand ultrakalter Materie. Feststoffe gerinnen zu einer super-liquiden Substanz, d.h. die Flüssigkeit erreicht einen Zustand bei dem sie jede innere Reibung verliert. „Diese Substanz entspricht in vielen Bereichen nicht mehr der Gesetzlichkeit der makroskopischen Erfahrung“, so Pümpel, „das ist faszinierend und möglicherweise bilden meine liquiden Versuchsanordnungen Strukturen aus, die diesen liquiden Zuständen der ultrakalten Quantenwelt gleichen.
Es hat mich angeregt, darüber nachzudenken, wie Materie „wirklich“ aussehen könnte.“
